
Von Yvonne Weirauch
Es soll ein niederschwelliges Angebot sein, eine Art Small-Talk. Unverbindlich, anonym, wer das möchte. Und es soll unter anderem gegen die Einsamkeit wirken: das Plaudertelefon. Aber – und das betonen die Verantwortlichen des Projekts „Gemeinsam. Zusammen. Sein. In Schorndorf“ ausdrücklich – eine Telefonseelsorge werde es keinesfalls abdecken. „Einen Video-Anruf mit Beratung wird es auch nicht geben“, räumt Simone Halle-Bosch (Sachgebietsleitung Familie und Prävention, Leitung Familienzentrum – Fachbereich Familie und Soziales) gleich am Anfang mit jeglichen Vorstellungen auf, die mit einem Telefongespräch in Verbindung gebracht werden könnten.
Die Idee zu einem Plaudertelefon sei schon mit Beginn des Projekts gereift. „Nur mussten wir genau durchdenken, wie wir das organisieren und wie wir es anbieten wollen“, so Beate Härer (Abteilungsleitung Soziales und Senioren – stellvertretende Fachbereichsleitung Fachbereich Familie und Soziales). Das Grundgerüst steht: Mit Ende der Sommerferien startet das Plaudertelefon. Die Nummer wird an dieser Stelle allerdings noch nicht veröffentlicht, denn es werden zunächst noch mehr Ehrenamtliche gesucht, die sich die Zeit nehmen können, zum Hörer zu greifen, und dem Anrufer ein offenes Ohr schenken können.
Noch kein fixes Zeitfenster
„Die Zeitfenster sind noch nicht fix“, so Simone Halle-Bosch. Und das aus einem einfachen Grund: „Wenn wir ein ehrenamtliches Team zusammenhaben, um Tage und Zeiten flexibel abdecken zu können, dann können wir das festlegen.“ Angedacht ist laut Uta Panke (Ehrenamtsförderung in der Flüchtlingshilfe, Fachstelle Bürgerschaftliches Engagement – Fachbereich Familie und Soziales), dass das Plaudertelefon dreimal in der Woche besetzt ist, für jeweils zwei Stunden (maximale Gesprächszeit liegt bei 30 Minuten). „Unser Ziel ist, es täglich anbieten zu können.“
Uta Panke erläutert, wie es dazu kam, ein Team zu bilden, das Betroffenen in schweren Lebenslagen zur Seite stehen könnte, und rückt die Hochwasserkatastrophe vom Juni 2024 in den Fokus. „Das Starkregenereignis bei uns in Schorndorf und in der Umgebung hat Handeln erfordert. Viele Ehrenamtliche haben sich eingebracht, Betroffene unterstützt. Sie sind beispielsweise zu ihnen nach Hause gegangen, haben sich die Sorgen der Flutopfer angehört oder sogar geholfen, Formulare auszufüllen, wenn die Menschen mit ihrer Situation überfordert waren – kurzum, wir hatten ein ehrenamtliches Stabilisierungs- und Versorgungsteam vor Ort.“
Helfen und Unterstützen: An den Gedanken anknüpfen
Und dieses Team sei so aktiv gewesen, so zusammengewachsen, dass „wir uns dachten, dass das irgendwie blöd ist, wenn das jetzt aufhört“. So habe man versucht, anzuknüpfen und das Team „weiter aktiv zu halten“. „Ohne dass es um die Flut gehen muss – es gibt noch zahlreiche andere Themen.“ Herausgekommen ist das Plaudertelefon.
Mit Sigrid Zwergal und Reinhard Pietrowsky hat man die ersten zwei Ehrenamtlichen, die sich engagieren und den Hörer in die Hand nehmen. Warum sich die beiden Rentner für diese Aufgabe entschieden haben? Reinhard Pietrowsky lacht und sagt: „Ich plaudere gerne.“ Das ist die lockere Antwort. Das Ernsthafte schiebt der 67-Jährige, der seit einem Jahr im Ruhestand ist, direkt hinterher: „Durch meinen Beruf als Psychologe und Psychotherapeut habe ich einen Hintergrund, der beim Plaudertelefon hilfreich sein könnte, deshalb habe ich mich dafür entschieden.“ Für die Berufsgenossenschaft habe er in seiner Berufslaufbahn zudem Unfallopfer telefonisch beraten, sodass er sich „für diese Aufgabe gut gerüstet“ fühlt.
Beim Neubürgerempfang der Stadt mit dem Thema Ehrenamt in Berührung gekommen
In Urbach sei er aufgewachsen, habe in Schorndorf gelebt, bevor er dann seine Heimat verlassen habe. Mit dem Ruhestand sei er wieder zu den Wurzeln zurückgekehrt und beim Neubürgerempfang der Stadt mit dem Thema Ehrenamt in Berührung gekommen. Und: „Vielleicht ist die Stadt ja ganz froh, wenn wir solch einen beruflichen Hintergrund haben und dieses Projekt unterstützen.“ Heftiges Nicken der Verantwortlichen unterstreicht diese Aussage. Uta Panke: „Wir sind sehr froh, dass wir solche Menschen haben, die dieses Ehrenamt ausführen.“
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Ansporn von Sigrid Zwergal. Bei der Flutkatastrophe vor einem Jahr war sie als Ehrenamtliche unermüdlich dabei, Menschen psychisch zu unterstützen und beizustehen, ihnen zuzuhören oder einfach nur da zu sein. Die 67-Jährige ist ebenfalls seit einem Jahr im Ruhestand: „Ich denke, dass ich durch mein Fachwissen, durch meine beruflichen und persönlichen Erfahrungen viel Nützliches einbringen kann“, so die gelernte Sozialpädagogin, die auch in der Traumaberatung tätig war.
Es müssen keine „Experten“ am Plaudertelefon sitzen
Simone Halle-Bosch stellt klar, dass am Plaudertelefon auch Ehrenamtliche ohne diesen „Experten-Hintergrund“ sitzen dürfen: „Jeder, der Menschen zuhören oder plaudern möchte, um dem Gegenüber zu helfen, darf sich bei uns melden.“ Und: Man müsse fürs „Plaudern“ nicht ins Familienzentrum kommen. „Das kann der oder die Ehrenamtliche auch gerne von zu Hause aus machen. Wir leiten die Telefonnummer dann um“, so Härer, und garantiert: „Die Privatnummer des Ehrenamtlichen wird selbstverständlich nicht kommuniziert.“
Ganz wichtig ist Sigrid Zwergal eines: „Wir wollen auf keinen Fall Hauptamtliche ersetzen. Wir möchten eine Art Ansprechpartner sein, die auch eine Lotsenfunktion übernehmen können.“ Denn, so Reinhard Pietrowsky, es werde sicher den einen oder anderen Anrufer mit einem Anliegen geben, bei dem den Ehrenamtlichen Grenzen gesetzt seien: „Da bleibt uns nichts anderes übrig, Wege aufzuzeigen und beispielsweise an andere Institutionen oder sogar Ärzte zu verweisen.“
Weitere Ehrenamtliche werden fürs Plaudertelefon „an die Hand genommen“
Sigrid Zwergal und Reinhard Pietrowsky werden zudem die Ehrenamtlichen, die man hofft, noch dazuzugewinnen, in die Materie einführen, und „an die Hand nehmen“. Uta Panke: „Keiner wird ins kalte Wasser geworfen. Die Menschen, die sich bei uns melden, und ehrenamtlich fürs Plaudertelefon aktiv sein wollen, werden mit Fachkompetenz unterstützt und werden keinesfalls alleine gelassen.“ Wünschenswert sei ein Kernteam von rund 15 Personen (oder natürlich mehr), um eine kontinuierliche Besetzung des Telefons garantieren zu können. „Wenn wir gut aufgestellt sind, und es machbar ist, würden wir gerne auch einen Wochenendtermin anbieten“, sagt Beate Härer. „Ehrenamt muss Spaß machen und ins eigene Leben passen“, das ist die Devise von Uta Panke, die sie auch an die Ehrenamt-Interessierten richtet.
Einmal im Monat werde es dann ein Treffen mit den Plaudertelefon-Ehrenamtlichen zum Austausch geben: Wie sind die Erfahrungen mit den Anrufen? Was hat man erlebt? Welche Themen beschäftigen die Anrufer? „Wir versprechen uns davon auch, dass wir vielleicht auf Themen stoßen, an die wir bis jetzt noch nicht gedacht haben und die wir ebenso mit Angeboten auffangen könnten“, so Beate Härer. Wer sich für solch ein Ehrenamt interessiert, könne selbst davon profitieren, ist sich Simone Halle-Bosch sicher: „Es gibt die unterschiedlichsten Beweggründe. Einer könnte sein, dass man dann selbst nicht mehr einsam und alleine ist, wenn man sich ehrenamtlich engagiert.“
Ehrenamtliche fürs Plaudertelefon gesucht
Wer sich für das ehrenamtliche Engagement am Plaudertelefon interessiert, sollte bis 20. Juli eine Mail an engagement@schorndorf.de schreiben. Ansprechpartnerinnen sind Simone Halle-Bosch und Uta Panke. Wünschenswert sind im Vorfeld einige Angaben zur Person, dies ist aber nicht zwingend erforderlich.